Großstadtstress und du mitten drin – mit den Brahmaviharas einen ruhigen Geist bewahren

Vier Schlüssel - Patanjalis Yoga Sutra im Alltag anwenden – Brahmaviharas

Mitten in Berlin sitze ich auf meinem Fahrrad und beobachte, wie andere Fahrradfahrer um ihr Leben an mir vorbei radeln. Ehrlich gesagt sieht das alles anderes als beneidenswert aus. Bin ich auf meinem Rad auch so schlimm hektisch? Was sagen die Brahmaviharas dazu?

 

Wie du deinen Geist beruhigst und in dein Glück radelst..

Die Brahmaviharas werden in Patanjalis Yoga Sutra genannt und beschreiben als Modell den Umgang mit anderen und mit sich selbst, mit dem Ziel den Geist zu beruhigen. Es ist die Rede von Freude für Freude, Mitgefühl für Leid, Mitfreude für Tugend und Gleichmut gegenüber Hass zu empfinden. Klingt wunderbar aber auf den ersten Blick sehr theoretisch und nicht greifbar. Was fange ich mit dieser Weisheit in meinem Alltag an?

 

Zu den Wurzeln …..

Zunächst zu den Wurzeln, genauer zum Sutra und seiner Interpretation:

Yoga Sutra, Vers 1.33 – die Brahmaviharas

1.33. मैत्री करुणा मुदितोपेक्षाणांसुखदुःख पुण्यापुण्यविषयाणां भावनातः चित्तप्रसादनम्

maitrī karuṇā mudito-pekṣāṇāṁ-sukha-duḥkha puṇya-apuṇya-viṣayāṇāṁ bhāvanātaḥ citta-prasādnam

“Durch Entfaltung von Freundlichkeit, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut gegenüber Freud, Leid, Tugend und Laster kommt der Geist in Harmonie.“ (Quelle: Yoga Aktuell)

 

Die vier Schlüssel und seine Schlösser

In diesem Sutra werden vier Schlüssel (maitrī, karuṇā, mudito, pekṣāṇāṁ) ihren vier Schlösser (sukha, duḥkha, puṇya, apuṇya) gegenüber gestellt.

Freundlichkeit (maitrī) gegenüber denen empfinden, die glücklich sind (sukha), mitfühlend (karuṇā) sein gegenüber denen die leiden (duḥkha), mitfreude (mudito) fühlen gegenüber denen die tugendhaft (puṇya) sind und gleichmütig (pekṣāṇāṁ) sein gegenüber den Lasterhaften (apuṇya). (Quelle: Vedanta Yoga)

Die vier Schlüssel Freundlichkeit, Mitfühlend, Mitfreude und Gleichmut werden nicht nur in Patanjalis Yoga Sutra genannt. Auch im Buddhismus werden sie für einen besonnen Geist eingesetzt. Somit ist nicht ganz klar, wo sie genau zum ersten Mal genannt wurden. Jedoch führen sie, unabhängig aus welcher Schule sie auch stammen mögen, zu innerem Frieden und sind eine gute Vorbereitung für die Meditationspraxis.

 

Wie aber können wir die Brahmaviharas in unsere Praxis und unseren Alltag integrieren?

 Freude für Freude

Die Frage, wie die Yoga Sutras im Alltag angewendet werden können, ist eine spannende. Oft scheitern wir schon an den noch so simplen Aufgaben, wie sich für andere oder sich selbst zu freuen. Zum Beispiel, wenn wir oder andere etwa in einer Prüfung gut abgeschnitten oder erfolgreich einen Vortrag gehalten haben. Denn des öfteren kommen Gedanken hoch wie: “Person X hat die gute Note oder den Applaus nicht verdient oder hätte ich mich doch nur besser vorbereitet”. Aber genau dazu raten die Brahmaviharas: Freude für Freude empfinden für Andere, für deren Glück und für sich selbst, für die eigene tolle Leistung.

Mitfühlen für Leidende

Bei dem Punkt Mitfühlen für diejenigen die Leiden, fallen mir sofort Obdachlose ein. Besonders in Berlin stoße ich täglich auf das Thema und bin überreschaft wie gleichgültig viele Menschen Obdachlosen gegenüber stehen. Es herrscht oft die Argumentation vor, dass in Deutschland doch ein sehr guter Sozialstaat bestehen würde. Doch wer kennt schon die individuellen Biografien, die Menschen dazu bringt sich mit Alkohol zu betäuben und unter den Brücken Berlins ein Lager aufzuschlagen? Wer kennt den Schmerz oder die Verzweiflung oder Langeweile? Dabei geht es nicht darum Mitleid mit den Armen Alkis auf der Straße zu haben, sondern darum mit besonnen Geist mitzufühlen, aufmerksam sowie respektvoll zu sein. Aber auch sich selbst gegenüber hilft es mitfühlend zu sein. Denn der Gedanke, Menschen seien für sich selbst verantwortlich und ihres eigenen Glückes Schmied kommt nicht von irgendwo her. Ist es nicht der Homo Oeconomicus, der Nutzenmaximierer, der Ego Mensch, der uns in der Schule begegnet? Das Mitfühlen für andere Lebewesen, Lebenssituationen führt zu innerem Frieden.

Mitfreude für Tugendhaftigkeit

Vor kurzem habe ich eine Yogaklasse von Anja Kühnel im Jivamukti Yoga Kreuzberg besucht. Sie hat von den Brahmaviharas und dem Schlüssel der Mitfreude erzählt und das Beispiel Vegane Aktivisten angebracht. Oft argumentieren Menschen gegenüber vegane Aktivisten, dass sie sich doch lieber um Menschen anstatt um Tiere sorgen machen sollten. Anstatt sich für die Menschen zu freuen, die sich überhaupt für irgend etwas sinnvolles für das Gemeinwohl engagieren wird dies oft kritisiert. Warum sich also nicht für Menschen freuen, die sich für einen sozialen Zweck engagieren und sich davon inspirieren lassen.

Gleichmut gegenüber Lasterhaften

Kennst du das Gefühl, das irgendetwas an deiner Schuhsohle klebt? Kaugummi. Mir passiert das eher selten. Bei der Masse an Kaugummi, die auf den Straßen klebt eigentlich verwunderlich. Wahrscheinlich liegt es daran, dass nur frisch ausgespuckter Kaugummi wunderbar an der Sohle kleben bleibt und der andere einfach im Boden fest getrampelt wird. Nicht ärgern. Gleichmut ist hier der Schlüssel. Mit einer Portion Gleichmut Papier, ein Taschentuch oder einen Stock nehmen und das Kaugummi von der Sohle kratzen. Gleichmut!

 

Wie können die vier Schlüssel, die Brahmaviharas, von jetzt auf sofort angewendet werden?

Von jetzt auf sofort ist es schwierig die vier Schlüssel anzuwenden. Sie können weniger erstrebt, als vielmehr kultiviert werden, in dem Sinne, dass sie aus einer inneren Kraft heraus Hindernisse aus dem Weg räumen.

Aus dieser inneren Kraft heraus bleibst du ruhig auf deinem Fahrrad und kommst eben dann an, wenn du ankommst, ob zu spät, zu früh oder pünktlich, aber dafür mit einem ruhigen Geist und an einem Stück.

Freude für alle Lebewesen gleichermaßen empfinden, ohne sich zu fragen, ob er oder sie es verdient haben. Egal ob die gute Note von Person X verdient war oder nicht. Pure Freude für Freude empfinden.

Mitgefühl für alle Lebewesen empfinden, die Leiden ohne diese zu verurteilen. Reines Mitgefühl für Menschen, die ihren Alltag auf der Straße verbringen. Mitgefühl für Alle empfinden.

Mitfreude oder Heiterkeit für Tugendhaftes, ohne dies zu bewerten oder zu verurteilen. Jeder Mensch hat etwas tugendhaftes an sich. Diese Tugendhaftigkeit zu erkennen und sich diese zu freuen ist der Schlüssel. Mitfreude für Tugendhaftes empfinden.

Gleichmut in guten sowie schlechten Situationen entwickeln. Das hat nichts mit Gleichgültigkeit, sondern viel mehr mit einem klaren Kopf zu tun. Das Wissen darüber was richtig ist und eine kreative wie effektive Lösungen zu finden, wie etwas die Schuhsohle von dem klebenden Kaugummis befreit werden kann. Gleichmut gegenüber Lasterhaften empfinden.

 

Willst du mehr über Patanjalis Yoga Sutras wissen?

Hier habe ich einen heißen Tipp für dich. Mein Lehrer Moritz Ulrich, Mitgründer des Peace Yoga Berlin hat eine Online Yoga School. Hier kannst du in einen Online Kurs mehr über Patanjalis Yoga Sutras aber auch Harmonium spielen lernen.

Hast du sonst Fragen oder Anregungen? Ich freu mich auf einen Kommentar vor dir!

 

 Nützliche Links

Moritz Ulrich Online Yoga School: http://yogaonlineschool.thinkific.com/enrollments

Yoga Service: http://www.yogaservice.de/inhalt/wie-praktisch-sind-die-sutras-20141101

Vedanta & Yoga: https://vedanta-yoga.de/rajayogasutras-1-33-einstellung-gegenuber-anderen/

Foto: pexels