Wie es ist als junges Mädchen seinen Vater zu verlieren

Der Verlust eines Elternteils ist unfassbar schmerzhaft

Deinen Vater zu verlieren tut weh! Es ist eine Art der Verletzung, die du dir gar nicht vorstellen kannst und es erst verstehst, wenn es dir selbst passiert ist.

Unabhängig davon wie intensiv die Beziehung zu deinem Vater war, ob du seine Prinzessin warst oder ob ihr euch andauernd gestritten habt, steht eines fest: Du hast deinen Vater geliebt, oder anders: du liebst deinen Vater.

Er steht auf einem Podest, auf das kein Mensch in deinem Leben jemals kommen wird.

Wenn du nichts mehr fühlst

Mein Vater starb als ich gerade meinen 15. Geburtstag hinter mir hatte. Nach seinem Tod war alles taub: mein Herz war taub und ich habe mich unverbunden gefühlt mit mir selbst und mit meiner Umwelt. Es war alles einfach nur taub ich konnte weder weinen noch lachen.

Ich erinnere mich, wie ich mich nach dem Tod meines Vaters mit meiner ausgefranzten Jeans in den Wald gestellt habe. Weit und breit war keine
Menschenseele in Sicht. Ich habe tief Luft geholt und so laut geschrien wie ich
konnte. Nichts. Selbst hier alleine im Wald konnte ich nicht weinen. Wo sind
nur meine Tränen geblieben?

Was erwarten Andere von dir?

Alle haben Mitleid. Wunderbar. Aber was können junge Mädchen damit anfangen? Gar nichts! Dein Umfeld beobachtet dich und behandelt dich wie ein rohes Ei. Genau das, was du im Augenblick nicht gebrauchen kannst, bekommst du von allen Seiten. Dabei meinen es alle aus ihrer eigenen Hilflosigkeit gut mit dir. Sie wollen helfen, wissen aber nicht wie.

Mach es nicht zu deiner Aufgabe andere Menschen zurecht zu weisen wie sie dich behandeln sollen. Wenn dir jemand nicht gut tut, nimm einfach Abstand. Du hast genug mit dir selbst und deiner Familie zu tun.

Es gibt keine festen Regeln in der Trauerarbeit

Was viele Menschen übersehen ist, dass es sich beim Trauern um ein sehr komplexes und vielschichtiges Thema handelt. Die Phasen der Trauer laufen nicht einfach nach Schema F ab und es gibt auch keine feste „Mensch tot, weinen und dann geht das Leben weiter wie bisher“- Reaktionskette.

NEIN! Der Verlust eines Menschen ist ein einschneidendes Erlebnis, welches dazu führt, dass das Leben des Betroffenen auf dem Kopf gestellt wird und dieser für sich selbst aushandeln muss wo oben und wo unten ist.

Es gibt auch keine: „Wenn ein Menschen stirbt fängt die Familie die Trauernden auf“-Regel, die immer funktioniert. Familiäre Strukturen sind heutzutage so fragil geworden, dass oft Kernfamilien aus Vater, Mutter und Kind oder im Sinne der Patchwork-Familien (z.B. Vater, Stiefmutter, leibliche Mutter und Kind) übrig bleiben. Wenn überhaupt.

! Jedes junge Mädchen muss für sich selbst austesten und entscheiden wie es trauern kann.

Du bist nicht die einzige, die traurig ist …

Vor allem und gerade dann, wenn ein dir sehr naher Mensch stirbt, bist du nicht die Einzige, die trauert! Im Falle des Verlustes deines Vaters trauert deine Mutter, eventuell deine Geschwister und vielleicht auch deine Tanten, Onkel und so weiter. Alle sind traurig und in erster Linie mit sich selbst beschäftigt.

Für dich bedeutet das, dass du deine Traurigkeit größtenteils alleine verarbeiten musst. Natürlich macht es sehr viel Sinn sich hierbei Hilfe zu suchen. Wenn dir also weder Verwandte noch Freunde helfen können gibt es genug Trauerexperten auf die du zurückgreifen kannst.

Mein Tipp, scheu dich nicht davor, mal nach Psychologen in deiner Nähe zu googeln und dir von diesem Experten auf dem Gebiet Trauerarbeit empfehlen zu lassen. Es kann nur helfen! Und wenn nicht, hast du es wenigstens versucht.

Aber was ist daran so dramatisch deinen Vater und nicht ein
anders Familienmitglied zu verlieren, wenn du noch ein Mädchen bist?

Ist es besonders schmerzhaft, wenn der Vater stirbt? Über Rollenverteilungen in Familien

Genau genommen ist es egal wer und wann jemand aus deiner Kernfamilie stirbt, ein tiefes Loch wird so oder so in dein Leben gerissen. Kein Verlust ist besser oder schlechter als der andere. Der Verlust deines Vaters in jungen Jahren hat dennoch einen anderen Einfluss auf dein Leben als es der deiner Mutter hätte. Väter beschützen und versorgen die Familie in der Regel. Das ist das Vaterbild aus einer nun hoffentlich veralteten Sichtweise.

Wenn die Säule des beschützenden und versorgenden Parts wegfällt, muss jemand anderes das auffangen, der oder die eventuell gerade nicht die emotionale Stärke dazu hat. Und so fängt das Spiel der brüchig werdenden familiären Strukturen an in sich zusammenzufallen. Oder aber du hast Glück und deine Familie fängt dich auf.

Was heißt das für junge Töchter?

Was heißt das für junge Mädchen, die eigentlich gerade dabei sind einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln und ihre Sexualität zu entdecken?

Sie müssen mit allem gleichzeitig fertig werden. Ihre Persönlichkeit mit einem veränderten Körper erkunden, Trauerarbeit leisten und lernen sich selbst zu beschützen. Wie sie das im Einzelnen bewältigen, mag sich stark unterscheiden.

Zusammenfassend haben aber alle zunächst ein großes Problem, andere Menschen an ihr Herz zu lassen.

Was wurde aus dem 15 jährigen Mädchen, das im Wald schrie und nicht weinen konnte?

Was zwischen damals und dem Mädchen 17 Jahre später wurde, ist eine lange Abenteuerreise geworden, die noch lange nicht aufgehört hat.

Fest steht, es hat gelernt wieder zu weinen, zu lachen und zu fühlen. Ihr Vater steht immer noch auf einem Podest, von dem ihm kein Mensch der Welt jemals schubsen könnte.

Dieser Text ist zuerst auf Edition F veröffentlicht worden.

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